Im Grundsatz erfüllt die Sozialhilfe in allen Fällen denselben Zweck: Nämlich den Menschen die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, die sie brauchen, um zu überleben – respektive, um als Mitglieder unserer Gesellschaft existieren zu können -, wenn die übrigen Mittel ausgeschöpft sind.

Um das Wesen der Sozialhilfe zu begreifen, müssen wir einen Blick auf die Menschen werfen, die diese Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn wir nämlich darüber reden, was jemand zum Leben braucht, dann dürfen wir nicht vergessen, dass es diesen einen „Jemand“ nicht gibt. Es gibt nur verschiedene Menschen in ganz verschiedenen Lebenssituationen.

Zum Beispiel eine junge Frau, die nach einer Anlehre als Büroassistentin erst temporäre und dann gar keine Jobs mehr findet. Sie ist erwerbslos, weil sie einen etwas leichten Bildungsrucksack hat. Und sie bezieht Sozialhilfe. In diesem Fall ist Sozialhilfe mehr als nur ein monatlicher Geldtransfer, sie soll Katalysator sein für eine Entwicklung. Sie soll dabei unterstützen, Kompetenzen zu erwerben und den Weg zurück in die berufliche Selbstständigkeit zu finden. Die Klientin braucht vielleicht ein Coaching oder nimmt an einem Arbeitsintegrationsprogramm teil. Ziel der Sozialhilfe muss bei ihr sein, ihre Chancen zu verbessern.

Zweites Beispiel: Der Familienvater, der Vollzeit im Supermarkt Gestelle auffüllt und seine Familie, Frau und drei Kinder, trotzdem nicht ernähren kann.

Er hat einen Beruf und er arbeitet zu hundert Prozent. Hätte er keine Familie, würde sein Einkommen ausreichen. Arbeitsintegration ist hier ganz offensichtlich kein Thema. Für ihn ist die Sozialhilfe eine Art Ergänzungsleistung zum Einkommen auf dem ersten Arbeitsmarkt, sie heisst einfach anders. Hier wäre die Frage allenfalls, ob die Mutter zur Ablösung eine Teilzeitstelle annehmen könnte, und ob die Rechnung unter Berücksichtigung der Kosten für die ausserfamiliäre Kinderbetreuung in diesem Fall aufgehen könnte.

Ebenfalls einen ähnlichen Effekt hat die Sozialhilfe für eine alleinstehende Mutter zweier Kinder. Ihr Teilzeit-Einkommen reicht nicht aus. Die Frau arbeitet zwar teilzeit, aber auch sie bezieht eine Ergänzungsleistung, die den Namen Sozialhilfe trägt. Sie muss nicht einmal einen besonders schlecht bezahlten Job haben. Die Chance, dass ein 50-Prozent-Pensum nicht ausreicht, ist gross. Die Umstände – alleinerziehend, Teilzeitarbeit – drücken aufs Haushalteinkommen.

Zum Schluss ein im Moment häufiges Beispiel: Ein Mann um die Sechzig, der nach fast vierzig Jahren Berufsleben seine Stelle verloren, sein Vermögen aufgebraucht und noch nicht das AHV-Alter erreicht hat. Die Chancen, nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit in diesem Alter wieder einen Job zu finden, sind gering. Sollen wir diesen Mann allenfalls noch gegen seinen Willen zwingen, an Arbeitsintegrationsprogrammen teilzunehmen? Obwohl wir wissen, dass das seine Chancen auf eine Rückkehr ins Berufsleben nicht wirklich erhöht? Ich plädiere dafür, dass wir ehrlich sind – zu uns und zu diesen Menschen. Sozialhilfe ist in diesem Alter eine Art Sozialrente vor der AHV.

Und dann sind da noch die Kinder und Jugendlichen. Betrachtet man sie mal von ihren Eltern losgelöst, so hat die Sozialhilfe auch für sie eine leicht andere Bedeutung. Durch die finanzielle Unterstützung sollen sie grundsätzlich dieselben Startchancen haben wie Kinder aus anderen Familien. Sozialhilfe muss hier auch die nötigen Aufgaben erfüllen, damit Armut eben nicht von Generation zu Generation weitervererbt wird. Gleichzeitig darf sie aber unter keinen Umständen zum Lebensstil werden, den Kinder von ihren Eltern übernehmen.

Diese Beispiele zeigen, dass Sozialhilfe in unserem Land nicht einfach einen Zweck erfüllt.

Die Sozialhilfe funktioniert wie ein Schweizer Armeesackmesser. Auch die Sozialhilfe verfügt über eine Vielzahl von Instrumenten – je nach konkreter Problemstellung kommen aber andere Instrumente zu Einsatz.

Man kann nicht alle Menschen am Rande dessen, was man wirtschaftliche Existenz nennt, über einen Kamm scheren. Auch wenn zur Linderung ihrer Probleme das Mittel stets das „Sackmesser“ bleibt. Die Instrumente sind unterschiedliche: Beim Sackmesser sind es vielleicht Pinzette, Lupe oder das Messerchen – in der Sozialhilfe das Gespräch, ein Coaching, Massnahmen der Arbeitsintegration oder einfach die finanzielle Unterstützung.

Diese Differenzierung dürfen wir unter keinen Umständen vergessen. Sonst laufen wir als Gesellschaft noch mehr Gefahr, Menschen mit keinem oder geringem Einkommen zu stigmatisieren und sie aus unserem Wahrnehmungsspektrum herauszupressen. Es gibt nicht einfach nur die, die es schaffen, und die, die es nicht schaffen.

erstellt durch Raphael Golta.
Aktualisiert am 11. Juli 2017