Ich durfte am 25. August am Röntgenplatzfest, einem der schönsten Quartierfeste unserer Stadt, die Eröffnungsrede halten. Im Vordergrund stand für mich die kantonale Vorlage, über die wir am 24. September 2017 abstimmen werden. Denn die Abstimmung zum „Sozialhilfestopp für vorläufig Aufgenommene“ macht mir im Moment ziemlich Bauchschmerzen.

Kommt die Vorlage durch, so hätte sie einschneidende Folgen für die Kategorie der vorläufig Aufgenommenen im Kanton Zürich. Insbesondere die Finanzierung von Integrationsmassnahmen – also Sprachkurse und Bildungsprogramme – wäre für diese Menschen akut gefährdet.

Wer sind diese „vorläufig Aufgenommenen“ im Kanton Zürich? Es sind zum grössten Teil Kriegsflüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Das sind Menschen, die nicht zurück in ihre Heimat können und zu 90 Prozent für lange Zeit in der Schweiz bleiben werden.

Die politische Gegenseite ist ja gut darin, negative Geschichten zu erzählen: Sie bauschen Einzelfälle medial auf, um ihre falsche Politik zu rechtfertigen. Was haben wir dem zu entgegnen? Wir können mehr Geschichten erzählen – und vor allem können wir die besseren Geschichten erzählen. Und von diesen guten Geschichten gibt es viele. In meinem Arbeitsalltag komme ich immer wieder mit solchen Integrations-Erfolgsgeschichten in Berührung. Kürzlich war ich zum Beispiel an das 20-Jahr-Jubiläum eines Motivationssemesters eingeladen, das das Sozialdepartement der Stadt Zürich gemeinsam mit der Migros betreibt. Es geht dabei darum, Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Chance auf einen Arbeitsplatz im Einzelhandel zu ermöglichen.

Am Jubiläum habe ich viele solcher beeindruckenden Geschichten gehört: Z.B. diejenige einer jungen Afghanin, die als 12-Jährige in die Schweiz kam. Sie sprach dazumal kein Wort Deutsch und hatte in ihrem Leben noch keinen Tag eine Schule besucht.

Heute ist sie Anfang 20 und stellvertretende Filialleiterin bei der Migros. Sie besucht einen Kaderkurs und spricht vor Publikum, als habe sie noch nie etwas anderes getan. Sie ist nur eine Vertreterin dieser Erfolgsgeschichten. Es gibt noch viele mehr von Jugendlichen, Erwachsenen, Frauen und Männern. Von Menschen aus Syrien, Sri Lanka, Eritrea oder eben Afghanistan.

Was braucht es, damit solche Geschichten möglich sind? Einerseits braucht es Motivation. Also Menschen, die mitmachen wollen. Daran fehlt es eigentlich nicht.

Was es aber zusätzlich braucht, sind geeignete Brücken, die wir diesen Menschen bereitstellen – damit sie unsere Sprache erlernen, einen Berufseinstieg finden und sich bei uns aufgenommen fühlen.

Es gibt viele solcher Brücken: Neben den Projekten der öffentlichen Hand gibt es Unternehmen, die hier Hand bieten und mithelfen. Sehr oft sind es aber auch Freiwillige und zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich engagieren und diese Brücken bauen. Von der «Autonomen Schule» über kirchliche Hilfswerke bis hin zu neu entstandenen Projekten wie zum Beispiel «Welcome2school» gibt es zahlreiche Institutionen, die sich für die Integration stark machen. Ohne dieses freiwillige Engagement all dieser Menschen hätten wir vieles in den letzten Jahren nicht erreicht. Und dennoch: Ohne öffentliche Gelder geht es nicht.

Wenn jetzt der Kantonsrat die Gelder für die Integration zusammenstreicht, so zeigt er all diesen Freiwilligen letztlich den «Stinkefinger» – anders kann man das nicht sagen. Der Kanton stiehlt sich so aus seiner Verantwortung. Nicht nur, dass er auf dem Buckel der betroffenen Kriegsflüchtlinge, der zahlreichen Freiwilligen und letztlich von uns allen Geld sparen will. Nein, es wird so auch der Boden für neue negative Geschichten bereitet. Die düsteren Zukunftsaussichten unserer politischen Gegner werden damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Erst die Integration verhindern, und sich dann über genau diese fehlende Integration und die daraus resultierenden hohen Sozialkosten beklagen. Das ist der „Meccano“, nach dem die Politik der politischen Gegner funktioniert.

Darum ist es so wichtig, dass neben den 26 Gemeinden im Kanton Zürich, die zahlenmässig fast die Hälfte der Bevölkerung repräsentieren, auch zahlreiche NGOs das Referendum gegen diesen Kantonsratsentscheid ergriffen haben. Denn wir müssen diesen Fehlentscheid mit allen Mitteln bekämpfen.

Sagen wir „Nein“ zu dieser falschen Politik – sagen wir am 24. September „Nein“ zur Revision des Sozialhilfegesetzes. Und sorgen wir so dafür, dass in Zukunft möglichst viele weitere Erfolgsgeschichten geschrieben werden können.

erstellt durch Raphael Golta.
Aktualisiert am 6. Oktober 2017